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Am heutigen Tag jährt sich zum 100. Mal der Moment, da der kaiserliche Staatssekretär (!) Philipp Scheidemann von einem Balkon des Reichstags die Republik in Deutschland ausrief. Unser leider bereits verstorbene Freund und Historiker Wolfgang Stribrny schrieb darüber: „In unüberbietbarer Phrasenhaftigkeit schmetterte Scheidemann, berauscht von seinen eigenen Worten und einem Publikum, das an der Republik gar nicht interessiert war, über den Königsplatz: ‚Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt.‘ Derselbe Scheidemann hatte noch wenige Tage vorher sich aufrichtig zur Monarchie bekannt!“

Politiker wie Friedrich Ebert wuβten, daβ die Meinung des deutschen Volks in der Frage der Staatsform alles andere als einhellig für die Repubik war, deshalb tadelte er den übereilten Schritt Scheidemanns, der auch nicht durch die Ausrufung der Sowjetrepublik durch Karl Liebknecht gerechtfertigt war. Freilich wagte man auch nicht, den Genossen Scheidemann zu desavouieren.

Golo Mann schrieb in einem Begleitwort zu den Erinnerung des Prinzen Max von Baden, des Reichskanzlers, der fälschlicherweise die Abdankung des Kaisers am 9. November verkündete: Der Umsturz von 1918 sei „historisch sinnlos; denn das, was die Leute wollten, hatten sie schon oder hätten es demnächst bekommen.“ Er stellte sich auch die Frage, warum die alten Autoritäten so wenig Widerstand leisteten: „Ein allgemeiner Nervenzusammenbruch, ein Reiβen der Geduld in der Tiefe und Breite sind viel schwerer zu bändigen oder sind es gar nicht. Die alte ‚Obrigkeit‘ muβ das gefühlt haben … Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, der Überzeugung ist, daβ die Nation einer anständigen Kontinuität ihrer politischen Entwicklung zutiefst bedurfte und die Monarchie im nächsten Halbjahrhundert noch wesentlich stilgebende und bindende Dienste hätte leisten können, wird nie aufhören, in den Ereignissen um den 9. Novem-ber 1918 ein Unglück zu sehen. Eine uralte Anordnung des öffentlichen Lebens wurde in wenigen Stunden hinweggefegt und es trat nichts Solides an ihre Stelle. Warum nicht? Weil nur eine vorübergehende Stimmung am Werk gewesen war, nicht ein revolutionärer Wille, der einriβ, um etwas völlig Neues aufzubauen.

Drei, die nach 1918 nie auf ihre Thronrechte verzichteten (v.l.); Kronprinz Rupprecht, Herzog Albrecht und Herzog Franz von Bayern.

Es gibt auch aus den damals gestürzten Herrscherhäusern  eine Antwort auf die Frage: Warum? S.K.H. Herzog Franz von Bayern, Chef des Wittelsbacherfamilie und erster Anwärter auf die bayerische Krone, sagte in einem Interview mit dem Bayerischen Fernsehen: „Ich erkläre es mir aus einem allgemeinen Erschöpfungszustand heraus am Ende dieses Weltkriegs wie man ihn vorher nicht gekannt hat. Und daβ niemand eine Hand gerührt hat, fürchte ich, gilt für das Danach genauso wie für das Zuvor. Man muβ sich ja schon fragen, warum man einen alten Herrn wie Ludwig III. im Hofgarten spazieren gehen läβt am Tag vor der Revolution, ohne ihn über die Entwicklung zu informieren. Es muβ doch irgendjemand gegeben haben, der gespürt oder erkannt hat, daβ sich da etwas zusammenbraut. Niemand hat es offensichtlich für notwendig erachtet, den König zu warnen. Das zeigt schon, wie gelähmt, wie erschöpft alles war. Ich glaube, es war einfach ein Aufgeben auf allen Seiten.

Thronverlust am Geburtstag

S.K.H. Prinz Louis Ferdinand von Preuβen, der am 9. November 1918 seinen elften Geburtstag feierte, schrieb in seinen Lebenserinnerung von den Ereignissen, die sein weiteres Schicksal von Grund auf veränderten. „Ich hatte … Radfahren gelernt und war sehr stolz, daβ ich es konnte; daher war zu meinem elften Geburtstag am 9. November 1918 mein Hauptwunsch ein Fahrrad. Freilich wuβte ich, daβ es äuβerst schwierig sein würde, in diesem Stadium des Krieges einen solchen Gegenstand zu beschaffen, und ich rechnete fast schon damit, wegen der schlechten Zeiten gar nichts zum Geburtstag zu bekommen. Doch am Morgen fand ich auf meinem Geburtstagstisch die Skizze eines Fahrrads, von meiner Mutter gezeichnet. Sie tröstete mich, das Fahrrad sei noch nicht fertig, aber ich würde es bestimmt in den nächsten Tagen bekommen. Ich war überglücklich, doch entging mir nicht, daβ in der Stimme meiner Mutter eine nie gekannte Traurigkeit mitschwang.

Der Kaiser mit seinen Enkeln Wilhelm und Louis Ferdinand.

Von uns Kindern ahnte vielleicht nur [der  Erbprinz] Wilhelm die tragische Wendung, die das Schicksal unserer Familie und unseres ganzen Landes genommen hatte. Indessen blieb bei mir der Eindruck der Niedergeschlagenheit der Erwachsenen haften. Menschen, zu denen wir bis dahin ehrfürchtig aufgeblickt hatten, konnten ihre Hilflosigkeit nicht verbergen; vom Fenster sah ich meine Onkel und Tanten stundenlang vor dem [Neuen] Palais auf und ab gehen. Am nächsten Tag sagte uns [Wilhelm von] Ditfurth, daβ die Wachkompanie gegen ihren Willen einen Soldatenrat habe bilden müssen. Widerstrebend hatten sie ein rotes Bändchen an ihre Uniformröcke geheftet, aber sie erwiesen uns weiterhin die militärischen Ehren.

Bis in unser freiwilliges Gefängnis drang sonst kaum etwas von dem revolutionären Ereignissen, höchstens das falsche Gerücht von einem Transport mit roten Matrosen, der nach Wildpark unterwegs sei, um das Neue Palais zu erstürmen. Wir bekamen keinen einzigen revolutionären Soldaten oder Zivilisten zu Gesicht; wir hörten nur, daβ es in Berlin zu Zusammenstöβen gekommen sei. In Potsdam fiel kein Schuβ. Der ganze Aufstand war hier ohne Blutvergieβen verlaufen und gegen unsere Familie schienen die Revolutionäre keinerlei böse Absichten zu hegen. Als sich die Lage im allgemeinen beruhigt hatte, bestand meine Mutter darauf, nach Cecilienhof zurückzukehren.

Kronprinzessin Cecilie hätten sich viele als Regentin für ihren ältesten Sohn Wilhelm vorstellen können – den entscheidenden Schritt, sie darum zu bitten, ging aber keiner.

‚Wenn sie uns umbringen wollen, können sie das hier in meinem eigenen Hause tun‘, sagte sie bei der Rückkehr nach Cecilienhof. ‚Solange ich es verhindern kann, will ich nicht, daβ meine Kinder im Exil aufwachsen.‘ Für diese Haltung sind wir alle ihr tief verpflichtet. Angesichts der warnenden Stimmen nahm sie die ganze Verantwortung auf sich, wozu nach den Geschehnissen in Ruβland [Ermordung der Zarenfamilie am 17. Juli des gleichen Jahres] groβe Charakterfestigkeit und viel Mut gehörten.

Hätte es eine Regentschaft der Kronprinzessin geben können?

Ich bin sicher, daβ meine Mutter auch in einem noch umfassenderen Sinne die Verantwortung auf sich genommen hätte, wenn es etwa zu einer Regentschaft gekommen wäre. Darüber hatte ich fünfzehn Jahre später eine längere Unterredung mit [dem ehemaligen britischen Premierminister] Lloyd George. Ich war im Sommer 1933 auf seinem Landsitz eingeladen; der einzige Gast auβer mir war [der zeitweilige südafrikanische Premierminister und] General Smuts.

‚Wissen Sie, Prinz Louis‘, sagte er, ‚wir hatten den Sturz Ihrer Dynastie weder erwartet noch beabsichtigt. Die öffentliche Meinung in England machte es mir unmöglich, als Premierminister dieses Landes einen Frieden mit Ihrem Groβvater oder Ihrem Vater an der Spitze Deutschlands zu schlieβen. Aber wir hatten alle gedacht, daβ für Ihren Bruder Wilhelm eine Regentschaft unter Ihrer Mutter oder einem Ihrer Onkel eingesetzt würde. Wenn Ihr Haus in Deutschland an der Regierung geblieben wäre, brauchten wir uns jetzt keine Kopfschmerzen wegen des Herrn Hitler zu machen.‘

Heute gilt es als historische Tatsache, daβ eine solche Lösung, wäre sie präsentiert worden, auch von den Sozialdemokraten angenommen worden wäre. Aber es fehlte an weitblickenden und entschlossenen Beratern.“

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