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Prinz Wilhelm (sitzend) und Prinz Louis Ferdinand 1926. Nach dem Verzicht seines älteren Bruders bereitete sich Prinz Louis Ferdinand darauf vor, an die Stelle des Hauschefs der Hohenzollern mit all seinen Rechten und Pflichten zu rücken

Prinz Wilhelm (sitzend) und Prinz Louis Ferdinand 1926. Nach dem Verzicht seines älteren Bruders bereitete sich Prinz Louis Ferdinand darauf vor, an die Stelle des Hauschefs der Hohenzollern mit all seinen Rechten und Pflichten zu rücken

Als vor genau zwanzig Jahren, am 25. September 1994, der Chef des Hauses Hohenzollern starb, ging mit Seiner Kaiserlichen Hoheit Prinz Louis Ferdinand von Preußen ein großer Abschnitt der deutschen Geschichte zu Ende. Geboren wurde er in der Kaiserzeit in Potsdam am 9. November 1907 als zweiter Sohn des Kronprinzenpaars, als sein eigener Nachfolger stand der 1976 geborener Enkel, SKH Prinz Georg Friedrich bereit. Der Wechsel von einem 86- zu einem 18-jährigen hätte kaum weniger drastisch sein können. Die Lehrjahre, die der greise Großvater seinem Enkel angedeihen ließ, erwiesen sich jedoch als überaus fruchtbar. Heute, zwanzig Jahre nach dem Antritt Prinz Georg Friedrichs als Hauschef, läßt sich sagen, daß er die großen Schuhe seines Vorgängers ausgefüllt hat und mit ihnen im 21. Jahrhundert wandelt.

Der Verlust der Monarchie in Deutschland 1918 betraf Prinz Louis Ferdinand nicht unmittelbar, denn sein älterer Bruder, Prinz Wilhelm, war als künftiger Hauschef und Thronerbe vorgesehen. Das gab Prinz Louis Ferdinand die Freiheit, sein Studienfach frei zu wählen und auch seine Bewegungsfreiheit war durch keine Pflichten in Deutschland eingeschränkt.

Er reiste durch Lateinamerika und die USA, wo er einige Zeit als Arbeiter an den Fließbändern der Ford Motor Company stand. Henry Ford wollte ihn als Ford-Repräsentanten in Europa gewinnen und der Prinz bestand darauf, dafür gewappnet zu sein, indem er von der Pike auf die Produktionsweisen kennenlernte. Während seines US-Aufenthalt verliebte sich Prinz Louis Ferdinand in die damals bekannte Filmschauspielerin Lily Damita, der er nach Hollywood folgte. Heiratsgerüchte waberten durch die Regenbogenpresse, aber die Familie zuhause in Europa pfiff ihn zurück. In seinem Buch Als Kaiserenkel durch die Welt (1952) hat er seine wilden Jahre aufgezeichnet.

Vor seinem US-Abenteuer hatte Prinz Louis Ferdinand an der Humboldt Universität zu Berlin Wirtschaft, Philosophie und Geschichte studiert. Seine Doktorarbeit lieferte er 1929 mit einer Untersuchung der Einwanderungsgeschichte in Argentinien ab.

Prinz Louis Ferdinand 1972 vor dem Portrait seiner 1967 verstorbenen Gattin, Prinzessin Kira von Preußen, geborene Großfürstin von Rußland.

Prinz Louis Ferdinand 1972 vor dem Portrait seiner 1967 verstorbenen Gattin, Prinzessin Kira von Preußen, geborene Großfürstin von Rußland.

Bedingt durch den Thronverzicht seines älteren Bruders rückte Prinz Louis Ferdinand an die Nachfolgerposition. Er heiratete 1938 die Tochter des Exil-Zaren Kyrill, Großfürstin Kira von Rußland. Die Ehe galt als überaus glücklich und endete mit dem überraschenden Tod Prinzessin Kiras 1967.

Die Kriegsjahre und seiner Verwicklung in die Attentatspläne des 20. Juli 1944 wurden in Corona ausführlich dargestellt, weshalb an dieser Stelle darauf verwiesen sein soll, ohne daß hier Einzelheiten genannt werden.

Mit dem Tod von Kronprinz Wilhelm 1951 übernahm Prinz Louis Ferdinand Verantwortung als Chef des Hauses Hohenzollern. Immer sah er sich als Repräsentant der jahrhundertealten Traditionen des Hauses, aber auch des Landes, dem es seinen Stempel aufdrückte: Preußen. Das schloß auch gelegentliche Besuche in der DDR ein, wo er vermutlich umgeben von einem großen Stasi-Pulk reiste. Es wäre ein dankbares Thema für eine Doktorarbeit, die Stasi-Akten aufzuarbeiten, um die Beurteilungen der Informellen Mitarbeiter zu erfahren. Wie nahmen sie die freundliche Aufnahme des Prinzen durch die Bevölkerung wahr? Erich Honecker jedenfalls ließ das Schreiben an den Prinzen, mit dem um die Überführung der Särge von Friedrich dem Großen nach Sanssouci gebeten wurde, mit „Kaiserliche Hoheit“ beginnen. Noblesse oblige.

In Westdeutschland stand der Prinz am Ende der ersten Großen Koalition 1969 in solch großem Ansehen, daß er in Meinungsumfragen als Wunschkandidat für den nächsten Bundespräsidenten sämtliche Politikerkandidaten hinter sich ließ. Ein Jahr nach den Studentenunruhen wollte die Bevölkerung – den Prinzen. Auch über dieses Phänomen stehen die wissenschaftlichen Arbeiten noch aus.

Nie hat der Prinz ein Geheimnis daraus gemacht, daß er die Monarchie für die bessere Staatsform hielt. „Ich bin bereit, wenn man mich ruft,“ lautete seine Antwort darauf, wenn er gefragt wurde, ob er Kaiser werden wolle. Der Ruf erging nicht. In seinen späteren Lebensjahren sagte er in einem Interview mit Bild am Sonntag, „ich wäre ein Volkskaiser“ geworden. Es ist den Deutschen nicht vergönnt gewesen, dies in der Realität zu erfahren. In einem Nachruf der britischen Tageszeitung The Independent hieß es 1994:
Prince Louis Ferdinand had tremendous warmth, depth and a true sense of friendship. An evening with him at a dinner party was an unforgettable occasion. Genuinely modest by nature and shy, he had a great sense of etiquette and expected to be addressed as ‚Imperial Highness‘. (Prinz Louis Ferdinand strahlte große Wärme, Tiefgründigkeit und einen richtigen Sinn für Freundschaft aus. Ein Abend mit ihm bei einer Dinner Party war ein unvergleichliches Erlebnis. Von Grund auf bescheiden und scheu hatte er dennoch ein großes Gespür für Etikette und erwartetete, als Kaiserliche Hoheit angesprochen zu werden.)
Er zeigte keinen Dünkel, als er in den 80er Jahren als Gast von Alfred Biolek in Bios Bahnhof auftauchte. Eine Unterhaltungsshow, für die er sich nicht zu schade war. Heute würde Prinz Louis Ferdinand manche Talkshow-Runde mit seinem Wissen, seiner Erfahrung, vor allem mit unkonventionellen Meinungen bereichern.

Prinz Louis Ferdinand 1978 mit seiner Schiegertochter, Prinzessin Donata, und seinen Enkeln, Prinz Georg Friedrich und Princessin Cornelie-Cécile von Preußen.

Prinz Louis Ferdinand 1978 mit seiner Schiegertochter, Prinzessin Donata, und seinen Enkeln, Prinz Georg Friedrich und Princessin Cornelie-Cécile von Preußen.

Zur Trauerfeier am 7. Oktober 1994 im Berliner Dom war nur eine ausländische Monarchin angereist: Schwedens Königin Silvia. Unter den rund 400 Ehrengästen des europäischen und deutschen Hochadels waren Erzherzog Otto von Österreich, Markgraf Max von Baden (der Enkel des Reichskanzlers, der fälschlicherweise die Abdankung des Kaisers am 9. November 1918 verkündete), Herzog Franz von Bayern, Fürst Philipp von Bismarck, Fürst Philipp-Ernst zu Schaumburg-Lippe und viele andere mehr. Auch das politische Establishment Deutschlands war vertreten: Aus Potsdam kam Ministerpräsident Manfred Stolpe, für den der Kaiserenkel „ein Freund Brandenburgs der ersten Stunde“ war. Der Prinz hatte am 17. August 1991 die Heimführung und Bestattung Friedrichs des Großen auf der obersten Terrasse des Lustschlößchens Sanssouci ermöglicht. Für Berlin nahm der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, für die Bundesregierung der Chef des Bundeskanzleramts, Minister Friedrich Bohl, und für die Länder der amtierende Bundesratspräsident und Bremer Bürgermeister Klaus Wedemeier teil. Tausende Berliner und deutsche Bürger gaben dem Prinzen das letzte Geleit und hatten zuvor am aufgebahrten Sarg im Berliner Dom Abschied genommen.

An seinem 20. Todestag wird der Verlust noch einmal spürbar, der mit seinem Tod verbunden war.

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