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Die königliche Familie während des Te Deums am 21. Juli 2016.

Die königliche Familie während des Te Deums am 21. Juli 2016.

Seine Majestät König Philippe I. der Belgier wandte sich am heutigen Nationalfeiertag Belgiens an seine deutschsprachigen Untertanen:


Der Nationalfeiertag wird begangen am 185. Jahrestag der Eidesleistung von König Leopold I., des Begründers der belgischen Dynastie.

Königlicher Palast Brüssel, 20. Juli 2016

Meine Damen und Herren,

seit Anfang des Jahres haben wir zusammen schwere Prüfungen durchgestanden. Die Attentate, die uns so hart getroffen haben, hinterlassen bei uns ein Gefühl der Unsicherheit. Die Krisen an den Grenzen Europas und ihre Auswirkungen auf unsere Länder haben ein Klima der Instabilität und Ungewissheit geschaffen. Dazu kommt die Unruhe innerhalb der Europäischen Union infolge des britischen Referendums.

Alle diese Ereignisse offenbaren Brüche innerhalb unserer Gesellschaften. Zwischen reich und arm. Jung und alt. Zwischen denen, die Zugang, und denen, die keinen Zugang zu Information und Wissen haben. Zwischen denen, die sich zu Hause fühlen, und denen, die auf der Suche nach einem Zuhause sind. Zwischen denen, die Initiative ergreifen, und denen, die an dem festhalten, was sie haben. Wir müssen vermeiden, daß falsche Propheten, die mit den Gefühlen spielen, diese Brüche und Schwächen ausnutzen. Indem sie Sündenböcke ausmachen, vertiefen sie nur noch die Gräben zwischen Religionen, Völkern und letztlich auch zwischen uns allen.

In diesem Kontext will ich Sie ermutigen, alles das zu stärken, was zum Zusammenhalt und zur Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft beiträgt. Hierfür verfügen wir über starke Eigenschaften.

Zunächst einmal haben wir eine lange Tradition der Offenheit und des Engagements. Die Suche nach Einheit in der Verschiedenheit ist die Antriebsfeder für die Mehrheit der Menschen in unserem Land. Wir haben eine Kultur der Konzertation und Einbeziehung des Bürgers bei der Entscheidungsbildung. Wir haben ein ausgeprägtes Vereinswesen und eine starke Zivilgesellschaft, die sich schon oft bewährt haben. Sie, die Motoren und treibenden Kräfte in Vereinen, Sie, die dabei mithelfen, Ihr Stadtviertel wieder lebendiger zu machen oder gesellige öffentliche Plätze zu schaffen, Sie, die denjenigen die Hand reichen, die sich benachteiligt fühlen oder entmutigt sind, Sie alle sind die wahren Erben dieser Tradition. Die Königin und ich erleben täglich Ihr vorzügliches berufliches oder freiwilliges Engagement in unserem Land.

Bei der Jugend sind es das Gefühl der Verbundenheit und das Bedürfnis nach aktiver Beteiligung, die sich auf neue und kreative Weise äussern. Für immer mehr von Euch, jungen Menschen, kommt das Zusammensein vor dem materiellen Komfort. Ihr strebt danach, zu etwas Größerem beizutragen.

Ihr habt gelernt, für andere Menschen offen zu sein, und andere Länder und Kulturen zu entdecken. Ihr wißt, daß dies zum Austausch von Ideen, zu Kreativität und Innovation, zu kultureller Bereicherung und persönlicher Entfaltung führt. Die Plattformen, auf denen Ihr Euch zusammenfindet, zeigen nicht nur den Wunsch, Erfahrungen miteinander zu teilen, sondern sind auch Ausdruck einer neuen Bestimmung des Allgemeinwohls. Auf denselben Geist treffen wir auch in den vielen Start-ups und sozialen Unternehmen, die überall in unserem Land entstehen. Und Euch, den jungen Menschen, die noch auf der Suche nach einem Neuanfang oder nach Arbeit sind, wollen wir helfen, die Energie, die in Euch steckt, zu aktivieren.

Schließlich verfügen wir über eine dritte wichtige Eigenschaft: Mut. Der Mut, den ich meine, ist weit mehr als Kühnheit. Mut überwindet Prüfungen, indem er sich auf das Schöne und Große stützt. Er ist Ausdruck einer inneren Stärke, die dem Komfort des Defätismus widersagt. Erst vor kurzem, nach den Terroranschlägen vom 22. März, sind die Königin und ich wieder Zeuge dieses Mutes geworden. Sie, die Verletzten und betroffenen Angehörigen, haben auf diese schwere Prüfung mit unendlicher Würde reagiert. Und Sie, die Mitglieder der Sicherheits- und Einsatzdienste, haben mit außerordentlicher Hingabe gehandelt. Dieser Mut ist uns Vorbild. Er läßt uns das Vertrauen bewahren – in uns selbst, in die anderen, in die Institutionen – auch wenn Krisen aufeinander folgen und unsere Sicherheiten ins Wanken bringen.

Den gleichen Elan braucht heute auch das europäische Projekt. Es ist kein Zufall, daß die meisten Befürworter für den Verbleib Grossbritanniens in der Europäischen Union bei den jungen Briten zu finden sind. Sie haben sich nicht verwirren lassen von dem falschen Dilemma zwischen Europäischer Union und Mitgliedsstaaten. Beide ergänzen sich gegenseitig. Und unsere Union ist jetzt notwendiger denn je. Auch hier brauchen wir Mut, um sie zu verteidigen und weiter zu verbessern.

Meine Damen und Herren,

erkennen wir unsere Stärken.  Bündeln wir unsere Kräfte, in Belgien und in Europa.  Haben wir Vertrauen in die Zukunft.  Die Königin und ich wünschen Ihnen einen schönen Nationalfeiertag.

Nach dem Te Deum in der Brüsseler Kathedrale Saint-Michel et Gudule sprachen der König, Kronprinzessin Elisabeth (r.) und Prinz Gabriel mit der Bevölkerung.

Nach dem Te Deum in der Brüsseler Kathedrale Saint-Michel et Gudule sprachen der König, die Thronfolgerin Prinzessin Elisabeth (r.), Herzogin von Brabant, und Prinz Gabriel mit der Bevölkerung.

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