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Die deutsche Ansprache Seiner Majestät des Königs anläßlich des Nationalfeiertages am 21. Juli 2017

Meine Damen und Herren,

Wir spüren Optimismus in unserer Wirtschaft und an unserem Arbeitsmarkt. Eine neue europäische Dynamik scheint sich in Gang zu setzen. Wie können wir diese Gunst der Stunde ergreifen ? Wie können wir daraus eine Chance für die ganze Gesellschaft machen ? Indem wir weiter an einer inklusiven Gesellschaft arbeiten. Eine Gesellschaft, in der sich niemand ausgeschlossen fühlt.

Damit uns das gelingt, ist Lernen ein Schlüsselwort. Lernen im weitesten Sinne. Lernen voneinander und miteinander.

In einer Zeit, in der Wissen unmittelbar und überall verfügbar ist, ist es wichtig zu lernen, Fakten richtig einzuordnen. Nur so sind wir imstande, uns Werturteile zu bilden und sachkundige und verantwortungsbewußte Entscheidungen zu treffen. ‚Das ist wahr’. ‚Das ist richtig’. ‚Das ist gut’. … Die junge Generation lernt das zuerst von ihren Eltern. Und von inspirierten Lehrern, die in ihnen den Wunsch wecken, verstehen zu wollen. In einer Welt, die sich rasant entwickelt, lernen sie von den Älteren, die Dinge mit etwas Abstand zu betrachten. Und die Älteren können natürlich auch von der Jugend lernen. Sorgen wir deshalb dafür, daß jugendliche Begeisterung und Kreativität so oft wie möglich auf Weisheit und Lebenserfahrung treffen.

Der Arbeitsplatz ist genau so ein Treffpunkt. In unserem Land lassen immer mehr Schulen ihre Schüler praktische Erfahrung in Betrieben sammeln. Ich konnte mich unlängst in der Schweiz davon überzeugen, wie erfolgreich dieses Modell der dualen Ausbildung ist. Fördern wir deshalb auch weiterhin die Synergien zwischen Ausbildung und Betrieben. Das sorgt für mehr Dynamik auf dem Arbeitsmarkt und schafft mehr Chancengleichheit.

Natürlich ist auch die Begegnung mit einer anderen Kultur eine Gelegenheit, voneinander zu lernen. Vor anderthalb Monaten habe ich das Fastenbrechen in einer belgischen muslimischen Familie gefeiert. Ich war beeindruckt, wie sich jedes Familienmitglied in die Gesellschaft einbringt. Ich habe sehr viel darüber gelernt, was das Fasten und das gemeinsame Zusammenkommen in der Familie und mit Freunden für sie bedeutet. Als ich spätabends ihr Haus verließ, wurde ich von ihren Nachbarn empfangen. Sie boten mir Wein an und erzählten mir, wie glücklich sie seien, in ihrem Viertel zu leben. Ich war stolz zu erleben, daß bei uns zwei so unterschiedliche Ausdrucksformen einfacher und echter Gastfreundschaft Seite an Seite bestehen können.

So ist es nicht in allen Straßen. Aber dieses Beispiel zeigt doch, daß in unserem Land, mehr als wir es manchmal glauben, eine Wertegemeinschaft besteht, über alle Unterschiede hinweg. Versuchen wir zu lernen im Kontakt miteinander. Sprechen Sie einmal mit jemandem aus Ihrer Umgebung, den Sie nicht kennen. Sie werden entdecken, daß Sie mit Ihren Nachbarn dieselben Fragen, dieselben Zweifel, dieselben Hoffnungen, dieselben Träume teilen. Sie sorgen sich ebensosehr wie Sie um das Wohl ihrer Kinder, ihren Arbeitsplatz, eine gute Kranken- und Altenpflege für ihre Angehörigen. Bringen wir auch unseren Kindern bei, so auf die Welt zu schauen. Wohlbefinden und Glück – und das ist es doch, wonach wir alle streben – haben nur einen Wert, wenn sie wirklich geteilt werden.

Wieviel wir voneinander lernen können, erfahren die Königin und ich täglich bei den zahllosen Solidaritäts- und Hilfsinitiativen: bei der Aufnahme von Obdachlosen, der Hilfe für Behinderte, und ganz allgemein bei jeder Form von Unterstützung für die Benachteiligten unter uns. Solche Initiativen sind echte Perlen für unsere Gesellschaft. Sie enthüllen uns den Reichtum, der in den Schwächsten steckt.

Meine Damen und Herren,

Ich bin überzeugt, daß wir alle aus der neuen Dynamik, die sich zu entfalten scheint, Nutzen ziehen können. Vorausgesetzt, daß wir jeden Tag lernen wollen, von denen, die uns vorausgehen, von denen, die uns nachfolgen, von unseren Nachbarn und von denen, von denen wir vermeintlich denken, daß sie so verschieden sind. Über die Unterschiede hinwegsehen, mehr braucht es dazu nicht.

Die Königin und ich wünschen Ihnen einen schönen Nationalfeiertag.

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