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Deutsche Grußbotschaft König Philippes I. der Belgier zum Nationalfeiertag – Brüssel, 20. Juli 2015

Meine Damen und Herren,

Unser Nationalfeiertag ist eine gute Gelegenheit, sich einige Gedanken zu machen über die Bedeutung der Bande, die uns miteinander verbinden.  Diese Bindungen sind wertvoll.  Sie sind aber auch ständig Bewährungsproben ausgesetzt.

Wir leben in einer sehr stark vernetzten Welt.  Die sozialen Medien bringen uns einander näher.  Die rasanten Fortschritte der Informationstechnologie und des Internets sind faszinierend.  Sie beeinflussen auf grundlegende Weise unser Leben und unsere Arbeit.  Sie sind ein wichtiger Trumpf, um die Herausforderungen der Globalisierung zu bewältigen und unsere Welt nachhaltig zu machen.  Dank der Informatik werden wir in der Zukunft unser Tun und Lassen, unsere Gesundheitsversorgung, unsere Produktionsweisen und unsere Mobilität noch effizienter beherrschen können, und dabei gleichzeitig die Kosten und die Auswirkungen auf die Umwelt verringern.

Aber diese starke Vernetzung hat auch ihre Schattenseiten.  Manchmal überflutet die virtuelle Welt unser Leben und drängt sich uns auf, ohne daß wir darauf noch selbst Einfluß nehmen können.  In der virtuellen Welt lösen sich Zeit und Raum sukzessive auf, was uns dazu animiert, alles haben zu wollen, und das sofort.  Das kann zu oberflächlichen Beziehungen führen, bei denen der menschliche Zement nicht die Zeit bekommt zu erhärten, um darauf dauerhaft aufbauen zu können.  Das Überangebot an Informationen kann auch auf Kosten des persönlichen Urteilsvermögens gehen.  Informationen erreichen uns oft in Form von formatiertem « Fertig-Denken », und wir laufen dabei manchmal Gefahr, nicht mehr selbst nachzudenken.

Über virtuelle und kurzlebige Beziehungen hinaus brauchen wir vielmehr echte und tiefgehende Beziehungen.  Denn nur in solchen Beziehungen können sich Persönlichkeit und kritischer Geist entwickeln, kann jeder sein Bestes geben, können sich Befähigungen voll entfalten und kann jeder seinen Platz in der Gesellschaft finden.

Die Königin und ich sind in unserem Land zahlreichen Personen begegnet, die täglich in dieses soziale und menschliche Kapital investieren.  Ich denke hierbei zum Beispiel an die Schulen und Unternehmen, die die Kreativität und Eigeninitiative fördern.  Ich denke auch an die Netzwerke von Unternehmern, die junge Leute dabei unterstützen, sich selbständig zu machen.  Nicht zuletzt denke ich auch an alle die Organisationen, die benachteiligten Menschen über den Sport, das Theater oder andere Aktivitäten neue Chancen geben. Alle diese Initiativen beruhen auf echten Beziehungen, die eine Quelle erneuerbarer menschlicher Energie für unsere Gesellschaft sind.

Es ist auch sehr wichtig, echte, starke und aufrichtige Bande zwischen den Völkern zu knüpfen.  Das konnte ich aufs Neue bei unserem kürzlichen Staatsbesuch in China feststellen.  Zusammen mit den föderalen und regionalen Regierungsvertretern und einer ganzen Anzahl von Geschäftsleuten und Universitätsrektoren ging es uns vor allem darum, im Interesse beider Länder und mit Blick auf die Zukunft weiter an einem Klima des gegenseitigen Vertrauens zu bauen.

An den Grenzen Europas spielen sich Dramen ab, die uns nicht gleichgültig lassen können.  Es wüten blutige Bürgerkriege, Staaten fallen auseinander, Flüchtlinge strömen zu uns.  Es wäre illusorisch zu glauben, wir könnten uns davor abschotten.  Europa muss in seinen Nachbarländern diejenigen Kräfte unterstützen, die nach politischer und wirtschaftlicher Teilhabe streben.

Schließlich möchte ich über die Bande zwischen den Völkern Europas sprechen.  Nach Jahrhunderten übersät von Kriegen ist zwischen Europäern eine Union entstanden, die für alle Länder, die dazu gehören, Nutzen bringt. Die europäische Einheit ist eine einzigartige gegenseitige Bereicherung für unsere Völker und Kulturen.  Uns vereint der gemeinsame Glaube an den Menschen und den Mehrwert, der dadurch erzeugt wird, dass wir unsere Stärken bündeln.  Wenn das europäische Projekt durch schwierige Zeiten geht, wie das zur Zeit der Fall ist, sollten wir vermeiden, daß sich unsere Staaten gegeneinander aufbringen lassen.  Im Gegenteil, vertiefen wir die Bande, die uns miteinander verbinden, auf der Basis eines wiedergewonnenen Vertrauens.

Meine Damen und Herren,

Sowohl für uns selbst, als auch als Bürger unseres Landes, Europas oder der Welt, sind wir in der Lage, den Unterschied zu machen, indem wir tiefgehende, feste und dauerhafte Bande knüpfen und pflegen.  Sie sind der Zement unserer Zivilisation, unserer Sicherheit und unserer Zukunft.

Ich wünsche Ihnen, auch im Namen der Königin und unserer ganzen Familie, einen schönen Nationalfeiertag.

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