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Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Diese beiden Sätze sind George Orwells Werk 1984 entnommen. In Orwells Buch wird die Vergangenheit dabei von einem Wahrheitsministerium kontrolliert, in welchem dafür geschulte Mitarbeiter die geschichtlichen Ereignisse ständig im Sinne der aktuellen Doktrin der Einheitspartei umschreiben. Zeitungen und Bücher der Vergangenheit werden mit verändertem Inhalt archiviert und Personen entweder aus der Geschichte gestrichen oder bei Bedarf auch dazuerfunden. Auf diese Weise kann sich die Partei nicht nur nie irren, Geschichte hat auch einen pädagogischen Zweck im Sinne der Propagierung der gerade aktuellen politischen Auffassung.

Ob die Macher des Bildungsrahmenplans für Schüler in Berlin und Brandenburg Orwell bei ihrer Reform im Sinne hatten, ist nicht bekannt. In der fünften und sechsten Klasse wird Geschichte in Berlin und Brandenburg jedenfalls nicht mehr als eigenständiges Fach unterrichtet werden, sondern zusammen mit Politik und Geographie in einem neuen Fach „Gesellschaftswissenschaften”. Zeitgeschichte wird dann in der neunten und zehnten Klasse gelehrt. Für Geschichte im eigentlichen Sinne bleiben also die siebte und achte Klasse – von Athen und Sparta bis zu Bismarcks Sozialgesetzgebung. Das Ganze findet auch nicht in chronologischer Ordnung statt, sondern soll in Themenfeldern vermittelt werden. Geschlechterrollen, Migration, Europabildung und Demokratieerziehung sind Beispiele für diese sogenannten Themenfelder. Andere Bundesländer könnten bei dieser Reform durchaus nachziehen.

Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.
George Orwell (1903-1950), britischer Schriftsteller

Man kann dabei nun durchaus befürchten, daß durch diese Themenfelder der Umgang mit Homosexualität im alten Griechenland eher zum Thema wird, als die politische Theorie von Aristoteles, und die Völkerwanderung als Rechtfertigung für das gegenwärtige Versagen der EU vor den Flüchtlingsströmen aus Afrika herhalten muß. Das Wissen müssen sich Schüler darüber hinaus ohne Daten und damit ohne eine Zuordnung der Vorgänge in ihre jeweilige Zeit aneignen. Man ahnt schon, was dabei herauskommt: Friedrich der Große, sofern er denn überhaupt behandelt wird, war böse, weil er Angriffskriege geführt hat – diese These, die in ihrer Albernheit manchmal im Staatsfernsehen propagiert wurde, war bislang nicht Gegenstand eines seriösen Geschichtsunterrichts, da dort Ereignisse in ihren historischen Kontext eingeordnet wurden.

Sind wir in der Bundesrepublik deswegen schon bei Orwell angelangt? Ganz so ist es nicht, denn es steht ja jedem nach wie vor frei, sich selbst zu informieren, und anders als in Orwells Staat des Großen Bruders sind Informationen frei verfügbar und niemand hat Strafen zu befürchten, wenn er ein Buch liest. Dennoch kann man sich getrost von der Vorstellung verabschieden, daß die Eliten in einer Demokratie irgendwie anders gestrickt wären, als in anderen politischen Systemen, und die Geschichte nicht für ihre Zwecke nutzen würden. Es kann in Deutschland von einer vom Staat bewußt propagierten Geschichtsideologie gesprochen werden, nach der die Geschichte nicht nur in den Dienst aktueller Werte- und Zielvorstellungen der Herrschenden gestellt wird. Die Überbetonung der Zeitgeschichte und vor allem der letzten beiden dunklen deutschen Diktaturen dient dabei auch der Verklärung der eigenen Leistung. Wie die DDR, die die Überlegenheit des Sozialismus anpries, jedoch gleichzeitig ihren Bürgern das Reisen aus Angst untersagte, da diese nicht mehr freiwillig zurück in das sozialistische Paradies kommen würden, scheut die BRD offenbar aus ähnlichen Motiven nicht den geographischen wohl aber den historischen Vergleich.

Den Kindern und Jugendlichen hilft es da wenig, daß sie sich in ihrer Freizeit aus freien Stücken mit Geschichte beschäftigen können, denn die meisten von ihnen werden dies nicht tun, steht doch das Lesen eines Buchs über Geschichte in Konkurrenz mit anderen Dingen von der Sportschau über das Treffen mit Freunden bis zum Erlernen eines Instruments. Der deutsche Staat hätte damit sein pädagogisches Ziel wohl erreicht. Wer das für seine Kinder nicht will, muß sie wohl bald im Ausland einschulen lassen, so lernen sie dann neben Geschichte wenigstens auch Fremdsprachen. L.R.

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