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Der eine war im 3. Reich Antisemit, NSDAP- und SA-Mitglied und war nach dem Krieg in alliierter Haft, der andere wehrte sich aktiv gegen die Vereinnahmung der evangelischen Kirche durch die Nationalsozialisten und war im Widerstand gegen Hitler aktiv, wofür er nach dem 20. Juli auch im Konzentrationslager inhaftiert war. Der eine gilt heute als Vater der „kritischen“ bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft, die Erinnerung an den anderen ist nicht mehr erwünscht. Dabei sind die Rollen allerdings nicht so, wie man denken könnte.

Fritz Fischer und Gerhard Ritter standen sich zu Beginn der sechziger Jahre im ersten Historikerstreit, der sogenannten Fischer-Kontroverse, gegenüber, wo es um die Schuld des Kaiserreichs am 1. Weltkrieg ging. Niemand hat dem Ansehen des Kaiserreichs so geschadet, wie Fritz Fischer mit seinem „Griff nach der Weltmacht“, in dem die Klausel von der Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Krieges, wie sie im Versailler Vertrag enthalten ist, aufgegriffen wird. Das Deutsche Reich habe den Krieg von langer Hand geplant und es bestehe auch eine Verbindung zwischen Kaiserreich und 3. Reich. Ritter sah dagegen im 1. Weltkrieg einen Krieg, der von deutscher Seite von einer verantwortungsbewußten politischen Führung vornehmlich defensiv geführt wurde, wobei diese politische Führung gegenüber dem Militär jedoch zunehmend in den Hintergrund geriet.

Moralisch einwandfreies Verhalten wird nicht belohnt, wie das Beispiel Gerhard Ritters zeigt.

Moralisch einwandfreies Verhalten wird nicht belohnt, wie das Beispiel Gerhard Ritters zeigt.

In Weimar verteidigte Ritter die monarchische Staatsform, während der wesentlich jüngere Fischer im SA-Vorläufer Bund Oberneuland aktiv war. Beide verband das Interesse am Protestantismus, welches sich auch in ihren geschichtswissenschaftlichen Werken widerspiegelte: Ritter schrieb eine Biographie über Martin Luther und veröffentlichte später, bereits im Nationalsozialismus, auch ein Buch über die Notwendigkeit der christlichen Sittlichkeit bei der Machtausübung, was nicht zuletzt eine Kritik an den herrschenden Zuständen war. Fischer dagegen war für die Vereinnahmung der Kirche durch die Nationalsozialisten, wie auch in seinen Schriften erkennbar war. Seine Karriere verdankte er im wesentlichen der Förderung von akademischen NS-Größen und wurde 1942 außerordentlicher Professor in Hamburg. Daß Fritz Fischer dabei nicht nur ein bloßer Opportunist war, wie es in diesen Tagen viele gegeben hat, beweist der Umstand, daß er zu jener Zeit auch Vorträge zum schädlichen Einfluß des Judentums hielt, was er für seine Karriere durchaus nicht hätte tun müssen. Diesen Umstand stritt er selbst zwar stets ab, es konnte ihm jedoch anhand verschiedener Briefwechsel aus der NS-Zeit nachgewiesen werden.

Nach dem Krieg saß Fischer dann kurz in alliierter Haft, wo er laut Selbstdarstellung geläutert wurde. Da er bezüglich seiner antisemitischen Vergangenheit aber auch gelogen hat, liegt der Verdacht nahe, daß er in der Bundesrepublik genau das machte, was er schon während des 3. Reichs gemacht hatte: Andere mit Schmutz bewerfen, um die eigene Karriere zu fördern. Gerhard Ritter verteidigt dagegen auch in der Bundesrepublik die Ansichten, nach denen er stets gehandelt hat und wird zum bedeutendsten Historiker der ersten bundesrepublikanischen Jahre.

Heute jedoch hat sich das Bild geändert: Der renommierte „Gerhard-Ritter-Preis“ für hervorragende Arbeiten aus dem Bereich der Geschichtswissenschaften, welcher von der „Badischen Zeitung“ vergeben wird, wurde vor einigen Jahren in „Ralf-Dahrendorf-Preis“ umbenannt, da Gerhard Ritter ja Anhänger einer aristokratischen Staatsform gewesen ist. Fritz Fischer dagegen hat sein Ziel, sich von seiner Vergangenheit reinzuwaschen, erreicht. Während ein solches Handeln während der NS-Zeit für jeden anderen heute ein gesellschaftliches Todesurteil wäre, wird ihm sein widerliches Gebaren von den führenden Medien unserer Zeit als kleine charakterliche Schwäche ausgelegt, hinter die seine historischen Verdienste um die Beurteilung des Kaiserreichs nicht zurücktreten dürfen.
L.R.

Lesehinweise

Prof. Dr. Günther Gillessen schrieb am 31. Oktober 2008 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Verteidigung von Gerhard Ritter: Er ist uns also doch noch gut genug

Der ehemalige Student Gerhard Ritters, der frühere bayerische Kultusminister Prof. Dr. Hans Maier äußerte sich zu der Kontrovers im Focus Magazin, Ausgabe 20, 2008: Eine unerträgliche Anmaßung.

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