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Damit gar nicht erst ein falscher Eindruck entsteht: Corona lehnt den immer weiter ausufernden Einfluß von Parteien und Verbänden im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben ab und ist auch deswegen parteipolitisch strikt neutral. Ob eine „Alternative“ dazu in einer weiteren Partei bestehen kann, muß jeder für sich selbst entscheiden, wir halten dies aber für äußerst fragwürdig. Dennoch hat die seit etwa einem Jahr bestehende Partei Alternative für Deutschland (AfD) etwas Interessantes gesagt: Bismarck. In einem noch nicht sehr ausgereiften außenpolitischen Positionspapier wurde als Orientierungspunkt deutscher Außenpolitik unter anderem der erste Reichskanzler genannt. Konkret werden dabei unter Berufung auf Bismarcks Rückversicherungspolitik bessere Beziehungen zu Rußland gefordert. Von guten Beziehungen zu Rußland habe auch schon Preußen stets profitiert.

Eine anti-kolonialistische Karikatur der Kongokonferenz – Bismarck teilt Afrika auf. Anders als in dieser Karikatur dargestellt, war die wesentliche Errungenschaft dieser Konferenz jedoch, Spannungen zwischen den europäischen Staaten zu vermeiden, die aus kolonialen Streitigkeiten herrühren könnten.

Eine anti-kolonialistische Karikatur der Kongokonferenz – Bismarck teilt Afrika auf. Anders als in dieser Karikatur dargestellt, war die wesentliche Errungenschaft dieser Konferenz jedoch, Spannungen zwischen den europäischen Staaten zu vermeiden, die aus kolonialen Streitigkeiten herrühren könnten.

Nun war Bismarck ein Staatsmann, der es in einer vergleichenden Betrachtung vom politischen Format und auch vom Erfolg her mit den meisten anderen deutschen Politikern aller Zeiten aufnehmen kann und sicher viele von ihnen einfach in die Tasche stecken würde. Es wäre daher im Sinne des gesunden Menschenverstandes unbedingt zu wünschen, daß jeder deutsche Kanzler und Außenminister Bismarcks Wirken studieren würde, obwohl er natürlich auch nicht auf allen Gebieten geglänzt hat. So umstritten wie beispielsweise seine Innenpolitik war – der Kulturkampf und die Sozialistengesetzgebung zählten sicher zu seinen größten Mißerfolgen und die daraus resultierenden Gräben in der deutschen Gesellschaft wurden erst durch die sehr erfolgreiche, aber wenig beachtete Innenpolitik Kaiser Wilhelms II. wieder einigermaßen zugeschüttet – , umso mehr wurde und wird jedoch gerade seine Außenpolitik bewundert, die Europa lange den Frieden garantierte und Berlin als „ehrlichen Makler“ gar für kurze Zeit das als Stadt der Diplomatie bekannte Paris verdrängen ließ – dies etwa bei dem Berliner Kongress 1878 (Neuregelung der Verhältnisse in Osteuropa und auf dem Balkan) und auf der Kongokonferenz 1884-1885 (Gebietsverteilung in den europäischen Kolonien).

In den Medien gab es dennoch zumeist ein höhnisches Echo auf das AfD-Positionspapier. Die Einstufung als skurril oder verschroben war mitunter noch das freundlichste, was suggeriert wurde (siehe FAZ) . Andere wiederum wollten darin ein weiteres Indiz dafür sehen, daß die Partei in der rechten Ecke steht (wie die Berliner Zeitung). In der Tat hat die AfD mit dem Wort „Bismarck“ ein Tabu gebrochen, denn in Zeiten der Political Correctness ist es allenfalls dann erlaubt, sich positiv auf etwas zu berufen, was vor der Bundesrepublik war, wenn es sich um die Vorgängerorganisationen der bundesrepublikanischen Parteien handelt, wie zum Beispiel der 150. Geburtstag der SPD zeigt. Alles andere war schlecht und allenfalls aus den negativen Erfahrungen dieser Zeit kann man noch etwas lernen. Daß ein solches Unverständnis von guter Politik durch die AfD etwas aufgebrochen würde, wäre sehr zu wünschen, denn von jedem klugen Menschen kann man auch unter veränderten Realitäten etwas lernen und das Kaiserreich und seine Köpfe haben mit den Gründerjahren, der Erfindung des Sozialstaats, dem BGB und vielem anderen zahlreiche positive Errungenschaften zu bieten, nicht nur im Bereich von Bismarcks Außenpolitik.

Trotzdem soll das Lob für die AfD eben nicht zu groß ausfallen: In einem anderen Punkt weicht die AfD von den außenpolitischen Lehren des Kaiserreichs jedoch wesentlich ab: Während es für die europäischen Staaten jener Zeit und auch für Bismarck als selbstverständlich galt, daß das Osmanische Reich zu Europa gehört, endet der Kontinent für sie am Bosporus.

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