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Lange meinten es die Medien nicht gut mit dem Welfenhaus. Gerne berichteten sie über tatsächliche, aufgebauschte oder erfundene Skandale des Hauschefs oder anderer Familienangehöriger. Es war bedauerlich lange still um die Welfenanhänger, die seit 1866, seit der Annektion des Königreichs Hannover durch Preußen, über hundert Jahre in Niedersachsen eine wichtige politische Größe darstellten.

Es scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen, wovon nicht zuletzt dieser Blog berichten kann: In der Jahresstatistik 2012 liegt der Artikel über die Wiedergründung des Welfenbunds als eingetragener Verein auf Platz vier der meistbesuchten Beiträge, der Nachruf auf die Unvergessene Kaisertochter Herzogin Viktoria Luise zu Braunschweig und Lüneburg einen Rang dahinter (von 82). Auch das Fernsehen trägt dem neuerwachten Interesse Rechnung. Auf Phönix wird am Freitag, 4. Januar, ab 15 Uhr die dreiteilige Serie über Die Welfen – Wege einer Dynastie wiederholt. Fast enthusiastisch heißt es im NDR-Pressetext:

Nach den Maßstäben des Hochadels ist das Haus Hannover kaum zu übertreffen. Denn die Welfen sind das älteste Fürstenhaus in Europa, ihre Familiengeschichte ist auch deutsche und europäische Geschichte seit dem Mittelalter.

Auch im 20. Jahrhundert bleibt die Geschichte der Welfen dramatisch. Weitgehend unbekannt ist, wie der Spion Anthony Blunt die hannoveranischen Kronjuwelen nach England brachte. Bei spektakulären Anlässen steht die Familie bis heute immer wieder im Rampenlicht.

Die Hochzeit von [Herzog] Ernst August, dem[s] Großvater[s] des heutigen Welfenprinzen, mit der Kaisertochter Victoria Luise besiegelt den Friedensschluss. Ernst August wird Herzog von [zu] Braunschweig [und Lüneburg]. [Herzogin] Victoria Luise war bis zu ihrem Tod 1980 in Niedersachsen äußerst populär.

Darüber hinaus veröffentlichte Robert von Lucius im Dezember 2012 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein bemerkenswertes Portrait des Erbprinzen Ernst-August: Ernst August von Hannover Der große Prinz

Ein mittlerweile 29 Jahre alter hochaufgeschossener Mann, der bis dahin nie mehr als zwei Tage am Stück in seiner Heimatstadt war, kam im Februar, zur schlimmsten Kältewelle, zum ersten Mal etwas länger in die Stadt, die seinen Familiennamen trägt. Bislang hatte er sich aus der Öffentlichkeit zurückgehalten, lebte und arbeitete in London und Bahrein, Botswana und New York. Seine Muttersprache ist Englisch. Wenig später überschlugen sich die Lokalzeitungen und druckten sein Foto auf der Titelseite. Der Ministerpräsident des Bundeslandes besuchte und empfing ihn, der alte wie der wohl künftige Oberbürgermeister der Landeshauptstadt bemühten sich um ihn.

Der Erbe einer jahrtausendealten Dynastie kümmert sich um den deutschen Besitz des Hauses, dessen Verwaltung ihm sein Vater 2004 übertrug. Die FAZ dazu:

Im Übrigen stürzt er sich in seine Arbeit. Von ihr will er leben. Denn das Ererbte dient ohnehin überwiegend dem Erhalt des Ererbten (eine Burg ist teuer), und zur Unterstützung der weitläufigen Familie. Erst im Laufe des vergangenen Jahres wurde ihm in Gesprächen und bei Besuchen klar, wie stark die Anhänglichkeit vieler in der Region an die welfische Tradition und auch an die Familie ist – viel stärker vermutlich als in manch anderen Landstrichen, die von alten Fürstenfamilien geprägt sind. Die Menschen scheinen es zu bedauern, dass die Familie seit Jahrzehnten abwesend ist.

Erbprinz Ernst August von Hannover (links) mit Maurizius von Reden.

Erbprinz Ernst August von Hannover (links) mit Mauritz von Reden, bis Juli 2012 Verwalter von Schloß Marienburg.

Begleitet von Ministerpräsidenten David McAllister (CDU), Hannovers Oberbürgermeisters Stephan Weil (SPD) und dessen mutmaßlichen Nachfolgers Stefan Schostok (SPD) lief Prinz Ernst August an der Spitze des Ausmarsches zum größten Schützenfest der Welt, dessen Schutzherr traditionell der Chef des Welfenhauses ist. Selbst der Bild-Zeitung war dies eine ihrer berühmten Schlagzeilen wert. DER JUNGE WELFE FÜHRT EINE ALTE FAMILIEN-TRADITION FORT: „Schon seine Ur-Großmutter Herzogin Viktoria Luise († 88) wohnte dem Umzug bei, fuhr mit der Kutsche durch Hannover. Und auch sein Vater Ernst August von Hannover ist schützenfesterfahren: In den 80er Jahren regierte er sogar über einen eigenen Umzugswagen!“

Doch zurück zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Beim Bremer Tabak-Collegium im Wolfenbütteler Schloss, das einst der Familie gehörte, wird er nicht nur als einziger Gast von den Rednern begrüßt. Von den urrepublikanischen Bremern wird er auch mit „Königliche Hoheit“ angesprochen, was ihn im Stillen amüsieren mag. Vorgaben macht er ohnehin nicht, er ist angelsächsisch geprägt und begabt mit einem schnellen britischen Witz. So scheint er sich wohler als bei manch offiziellen Gelegenheiten zu fühlen, wenn er in einem linken Jugendzentrum in Hannover, der Glocksee, spätnachts einer Rock-Band zuhört, die unter ihrem Namensschild mit einem Satz seinen Familiennamen persifliert: „Hangover Rock Explosion“.

Die Anwesenheit des Erbprinzen im Gebiet des früheren Königreichs Hannover dürfte sich in den nächsten Monaten noch mehr im Rampenlicht der Öffentlichkeit vollziehen, denn 2014 jährt sich zum 300. Mal das Angebot an den Kurfürsten Georg Ludwig von Hannover, als König Georg I. den britischen Thron zu besteigen, was genau am 12. August 1714 geschah. An dieses Ereignis soll eine Landesausstellung in Niedersachsen erinnern: „Als die Royals aus Hannover kamen“. Das wird den republikanisch orientierten Politikern in Norddeutschland wieder reichlich Gelegenheit geben, sich im königlichen Schein zu sonnen.

Prinz Ernst August führt nicht nur, was die FAZ nicht unerwähnt ließ, in seinem Paß den Titel  „Königlicher Prinz von Großbritannien und Irland“, sondern er steht auch auf der britischen Thronfolgeliste – jedoch gegenwärtig erst auf dem 536. Platz. Vor ihm rangiert übrigens Prinz Georg Friedrich von Preußen, der den 212. Platz  einnimmt.

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