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Eigentlich besprachen der Deutschlandradio-Journalisten Felix Florian Weyh und der Schriftsteller Peter Merseburger Allgemeinwissen:

Weyh: Heuss, geboren 1884, war 30 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg begann, also ein Mann, der komplett politisch, kulturell sozialisiert war im Kaiserreich. Und er war auch überzeugter Monarchist.

Merseburger: Das war er, aber das waren viele. Das war auch Max Weber, und das war das halbe Zentrum. Max Weber hatte die Theorie: ‚Ich bin für eine konstitutionelle Monarchie britischen Musters. Dann kann nie Parteienstreit über die Staatsspitze kommen. Die Staatsspitze ist dann immer gut aufgehoben, aber regiert wird vom Volk.‘ Und so kann man natürlich auch Monarchist sein. In dem Sinn war Heuss Monarchist, hat aber 1918 sich sofort auf den Boden der Republik gestellt, weil er sah, dass dadurch, dass der Kaiser sich nach Holland verdrückt hatte, eigentlich der Gedanke der Monarchie so beschädigt war, dass es sinnlos war, irgendwie an ihm festzuhalten.

Selbstverständlich waren nicht nur „viele“ 1918 für die Monarchie, sondern man darf behaupten: Die überwiegende Mehrheit der Deutschen hätte in einer Volksabstimmung der Monarchie den Vorzug gegeben. Aber sie erhielten nie die Chance, sich in dieser Frage zu Wort zu melden. Stattdessen wurde die „Republik ohne Republikaner“ beklagt, was wiederum keine logischen Schlüsse nach sich zog.

Es entzieht sich auch der Logik, daß Peter Merseburger behauptet, weil „der Kaiser sich nach Holland verdrückt hatte, [war] eigentlich der Gedanke der Monarchie so beschädigt […], dass es sinnlos war, irgendwie an ihm festzuhalten.“ Zugegeben, natürlich hängt der monarchische Gedanke von der Person des Monarchen ab, doch das monarchische Prinzip steht über Personen, was ja spiegelbildlich für Republikaner gilt, denn das republikanische System steht ihnen höher als der Mann, der darin das höchste Staatsamt ausfüllt. Wäre es anders, müßten Republikaner konsequenterweise die Abschaffung der Republik verlangen, wenn mal wieder ein Präsident aus der Rolle und dem Amt fällt.

Merseburgers Schlußfolgerung für die Ausrufung der Republik 1918 entbehrt der empirischen Grundlage. Nach dem Thronverzicht des Kaisers am 28. November 1918 hätte die legitime Thronfolgeregelung eingesetzt und ein neuer Monarch hätte die Verantwortung für das Nachkriegsstaatswesen übernommen, das eine bessere Chance zum Überleben gehabt hätte als die sogenannte Weimarer Republik. Es gab schließlich in Bulgarien den Thronverzicht Zar Ferdinands am 4. Oktober 1918 zugunsten seines Sohns, Zar Boris III., und die Monarchie blieb den Bulgaren bis zur kommunistischen Machtübernahme erhalten. Auch in Luxemburg kam es zu einem Monarchinnenwechsel: Großherzogin Marie-Adelheid entsagte am 9. Januar 1919 dem Thron und ihre jüngere Schwester, Großherzogin Charlotte, bestieg ihn. In einem Referendum am 28. September 1919 stimmten 77,8 Prozent der Luxemburger für die Beibehaltung der Monarchie unter Großherzogin Charlotte. Trotz einer vom Ausland  unterstützten pro-belgischen bzw. pro-französischen Propaganda entschied sich das Wahlvolk mit 77,8 Prozent der Stimmen für den Erhalt der Monarchie. Für eine Republik stimmten nur 19,66 Prozent und das, obwohl es in Luxemburg wie in Deutschland 1918 zu revolutionären Unruhen, einem mißglückten Putsch und dem Versuch, die Republik auszurufen, gekommen war. In Deutschland siegte die nichtlegitimierte Gewalt, was für die Republik ein Unglücksomen war.

Warum werden diese beiden europäischen  Beispiele aus der gleichen Zeit nie für die Beurteilung Deutschlands herangezogen? Vielleicht, weil sie so schlecht ins republikanische Geschichtsbild passen, das propagiert wird?

Peter Merseburger arbeitet seit seiner Pensionierung beim NDR als freier Schrifststeller und hat nach Biographien über Rudolf Augstein und Willy Brandt jetzt eine Biographie über Theodor Heuß (erst in späten Jahrzehnten schrieb er sich Heuss) veröffentlicht, mit der er durch die Rundfunkanstalten tingelt. Im Deutschlandradio Kultur beantwortete er am 23. Dezember Fragen zum Buch und zum Gegenstand seiner Recherche.

Theodor Heuss (li.) mit König Paul und Königin Friedrike. Das griechische Königspaar genoß in den 50er Jahren eine ungeheure Popularität in Deutschland (und entgegen aller heutigen Propaganda: auch in Griechenland).

Theodor Heuss (re.) mit König Paul und Königin Friederike. Das griechische Königspaar genoß in den 50er Jahren eine ungeheure Popularität in Deutschland (und entgegen aller heutigen Propaganda: auch in Griechenland).

Zu seiner Zeit als Leiter und Moderator des ARD-Politmagazins Panorama (von Januar 1967 bis April 1975) galt Merseburger Konservativen als der lebende Gott-sei-bei-uns. (Wer mit dem Ausdruck nichts anfangen kann, sehe hier nach). Er war so prominent, daß Loriot, alias Bernhard-Viktor von Bülow (12.11.1923 – 22.8.2011), ihn personifizierte und sowohl seine Gesten wie den Sprachduktus perfekt traf. Merseburger ging keiner Kontroverse aus dem Weg und legte sich insbesondere mit Franz-Josef Strauß, dem CSU-Vorsitzenden und erwählter Haßfigur aller Sozialisten, an. Der schoß sich auf den vom NDR verantworteten „Rotfunk“ ein und nutzte alle Mittel, die Sendung absetzen zu lassen. An einem Gegner wie Peter Merseburger biß sich Strauß jedoch die Zähne aus. Es ist deshalb nicht ohne Bedeutung, wenn einer wie Merseburger konstatiert, daß Heuss ebenso wie „viele“ andere Monarchist war. Das nimmt dem Begriff etwas von der Diabolik, die ihm angehängt wurde. Vielleicht blieb Heuss dieser Staatsform sogar sehr viel länger treu, als es Bundesrepublikaner wahrhaben wollen. Seine Amtsführung zelebrierte er mit einer gehörigen Dosis monarchischer Attitüde.

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