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Die Deutschen sind im Oktober und November 1918 auf den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson hereingefallen und diese Fehleinschätzung führte zum Sturz Kaiser Wilhelms II.. Wilson machte den Deutschen Hoffnung auf einen milden Frieden auf Basis seines 14-Punkte-Programms, welches Deutschland betreffend im wesentlichen nur die Abtretung Elsaß-Lothringens an Frankreich und die Schaffung eines polnischen Staates auf den Gebieten vorsah, wo mehrheitlich Polen lebten. Als Bedingung für solch einen Frieden wurde in einer amerikanischen Note an Deutschland genannt, daß man mit einer sogenannten „wahrhaftigen Volksvertretung“ verhandeln müsse. Da Deutschland bereits im September von einer konstitutionellen in eine parlamentarische Monarchie umgewandelt wurde, wurde diese Note dahingehend interpretiert, daß eine Vorbedingung für den Frieden in einer Abdankung Kaiser Wilhelms II. liege.

Kaiser Wilhelm II. am 10. November 1918 auf einem Bahnsteig an der belgisch-niederländischen Grenze. Die Forderung der USA nach der Abschaffung der Monarchie als Bedingung für einen Frieden verletzte das von ihnen selbst propagierte Recht auf die Selbstbestimmung der Völker.

Es handelte sich bei der Hoffnung auf einen gerechten Frieden aber in der Tat um einen „amerikanischen Traum“, eine Illusion, denn der Rest der Geschichte ist bekannt: Der Kaiser ging ins Exil und das schließlich unterzeichnete Versailler Diktat hatte dann nicht 14 sondern insgesamt 440 Artikel und beinhaltete die härtesten Friedensbedingungen, die die Welt seit dem Dreißigjährigen Krieg gesehen hatte. Letztendlich wurde allen Völkern das Recht auf Selbstbestimmung zugestanden, nur den Deutschen nicht, auch nicht in bezug auf die Wahl der Staatsform. Was tat der amerikanische Präsident Wilson (der die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 1916 mit dem Versprechen gewann, die Neutralität Amerikas strikt zu wahren und das Land aus dem Kriege herauszuhalten), um dies zu verhindern und sein 14-Punkte-Programm umzusetzen? Nichts. Am Ende bekam er für seine Bemühungen dennoch den Friedensnobelpreis.

Ein anderer US-Präsident, der den Friedensnobelpreis unverdient erhalten hat, ist der gerade in diesen Tagen wiedergewählte Barack Obama und nicht nur in dieser Hinsicht schließt sich ein Kreis, sondern auch in bezug auf den Einfluß der USA in Europa. Während Woodrow Wilson 1917 dem amerikanischen Isolationismus abschwor, um sich in Europa einzumischen, gibt es nach der von den USA verschuldeten und im Jahr 2008 ausgebrochenen Finanzkrise, deren Ursache in einer völlig fehlenden Regulierung der us-amerikanischen Finanzmärkte und -produkte zu sehen ist, in Europa nur noch sehr wenig Interesse an besonders gewichtigen transatlantischen Beziehungen und auch die Amerikaner sind mit anderen Fragen beschäftigt. Die Präsidentschaft Obamas steht somit auch für ein Ende des amerikanischen Interventionismus auf dem alten Kontinent.

Ironischerweise sind es allerdings gerade die Deutschen, unter denen viele noch an den nach dem 2. Weltkrieg überkommenen transatlantischen Strukturen festhalten wollen und während ganz Europa heute auf Deutschland schaut, weil sich die Vereinigten Staaten für eine wirtschaftspolitische Führungsrolle langfristig disqualifiziert haben, würde man in Berlin am liebsten gar keine Verantwortung für die europäischen Geschicke übernehmen wollen, sondern diese wie gewohnt den USA überlassen. Gerade dies muß aber Aufgabe der deutschen und europäischen Politik sein: Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Nach der von den USA wesentlich beförderten Abdankung Kaiser Wilhelms II., in deren Zuge den Deutschen das Selbstbestimmungsrecht über ihre Staatsform nicht zugestanden wurde und die Deutschland darüber hinaus politisch völlig destabilisiert und radikalisiert hat, wäre mehr Selbstbestimmung innerhalb Europas ein Schritt zur Normalität.

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