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Im Namen der Menschenrechte

Im Zuge der Umwandlung Frankreichs in eine konstitutionelle Monarchie wurde feierlich die Gültigkeit der droits de l’homme et du citoyen erklärt, der Menschen- und Bürgerrechte. Die Erklärung umfaßte eine Präambel und 17 Artikel und liest sich fast wie der die Grundrechte betreffende Abschnitt einer heutigen Verfassung eines europäischen Landes. In der Erklärung sind unter anderem Grundrechte wie Freiheit, Eigentum und Sicherheit oder auch die Voraussetzungen für eine Strafverfolgung geregelt. Jedes Grundrecht kann dabei explizit nicht durch Willkür, sondern nur durch Gesetze eingeschränkt werden.

Bei der Einschränkung durch Gesetze ist aber auch schon der Geburtsfehler der Menschenrechtserklärung: Darüber, wer diese Gesetze macht, wie weit sie gehen dürfen oder wie sie zustande kommen, ist nichts gesagt.

Im Zuge der Revolution kam es deshalb bekanntlich zu la terreur, der planmäßigen Massenvernichtung von Andersdenkenden, der über 40.000 Menschen – die meisten von ihnen Angehörige des dritten Standes – zum Opfer fielen und deren Symbol noch heute die Guillotine ist. Grundlage für dieses Massenmorden war unter anderem die Menschenrechtserklärung, denn es genügte ja ein einfaches Gesetz desjenigen, der gerade die Mehrheit im Nationalkonvent hatte, um eine bestimmte Geisteshaltung wie Religiosität oder eine royalistische Einstellung als dem Allgemeinwillen (volonté générale) und der Verwirklichung der Menschenrechte entgegenstehend zu definieren, was die Jakobiner dann auch taten. Im Anschluß daran waren die Verfechter dieser Geisteshaltungen vogelfrei (hors la loi) und man konnte mit ihnen machen, was man wollte. Parallelen zur Russischen Revolution, während derer Andersdenkende im Namen der Menschlichheit zu Zehntausenden ermordet wurden, drängen sich hier geradezu auf.

Gnadenlose Republikaner: Gefangene wurden einfach ertränkt.

Neben dem Terror forderte der royalistische Aufstand in der Vendée nach Angaben der unterschiedlichen Historiker bis zu 600.000 Tote, von denen die überwiegende Mehrheit auf das Konto der Republik gingen. Diese Toten sind dabei keineswegs nur den militärischen Auseinandersetzungen geschuldet: Auch die schon gefangenen Aufständischen wurden entweder erschossen oder ertränkt, was die Republikaner „republikanische Hochzeit“ nannten, weil die auf diese Weise Ermordeten dabei zusammengebunden waren. Die große Mehrheit der Opfer des Aufstandes war jedoch überhaupt nicht an den Kämpfen beteiligt, denn die Republikaner brachten auch all jene um, die in Verdacht standen, mit den Aufständischen zu sympathisieren. Nicht nur royalistische, sondern vor allem auch Regionalhistoriker sprechen in diesem Zusammenhang von gezieltem Völkermord durch die Republik.

Ganz anders verhielten sich die Gegner der Republikaner: Nach den Anfangserfolgen der sogenannten Großen Katholischen und Royalistischen Armeestanden ihre Anführer vor einem ebenso großen Problem: Was sollte mit den vielen tausend Gefangenen geschehen? Versorgt werden konnten sie nicht, denn durch die Unerfahrenheit dieser Bauernarmee auch in logistischen Dingen konnte man gerade einmal sich selbst, nicht aber noch andere ernähren. Es gab daher im Grunde genommen nur zwei Möglichkeiten, mit den Gefangenen umzugehen: Freilassen oder hinrichten. Man entschied sich in dieser Frage dafür, den Gefangenen das Versprechen abzunehmen, in dem laufenden Konflikt nicht wieder die Waffen gegen Gott und den König zu erheben, und sie im Anschluß daran freizulassen. Im Angesicht des Umstandes, daß die Aufständischen genau wußten, daß weder sie selbst noch die eigene Familie zu Hause auf solche Großzügigkeit hoffen durfte, war diese Entscheidung umso bewundernswerter.

Selbst nach einer der entscheidenden Niederlagen der Rebellen bei Cholet, nach der der Ruf sehr laut wurde, die verbleibenden republikanischen Gefangenen nun endlich demselben Schicksal zuzuführen, wie es die royalistischen Gefangenen erlitten, setzte sich die Milde durch. Es war der bei Cholet tödlich verwundete General Charles de Bonchamps, der seinen Offizieren auf dem Sterbebett das Versprechen abnahm, dafür zu garantieren, daß den republikanischen Gefangenen nichts geschehen werde. Das als pardon des prisonniersin die Geschichte eingegangene Ereignis kann als die letzte Sternstunde einer untergehenden Epoche bewertet werden, bewies sie doch die moralische Überlegenheit der Royalisten in der Praxis. Während die einen sich auf Menschenrechte und die Freiheit beriefen und Gefangene, Frauen und Kinder töteten und Dörfer plünderten und verheerten, ließen die anderen, die von den Republikanern als „Sklaven“ bezeichnet wurden, weil sie sich auf solch rückständige Dinge wie den Katholizismus und das Königtum beriefen, ihre Gegner laufen und beteten oftmals für den Einzug ihrer Feinde in das Paradies, bevor sie in die Schlacht zogen.

Gedankt hat man ihre Milde den Menschen in der Vendée nicht, denn über die Französische Revolution wird ja im Schulunterricht noch immer gelehrt, sie sei der Beginn der Befreiung der Menschen aus der Tyrannei gewesen. Würden Menschen an ihren Taten und nicht an ihren schönen Worten gemessen werden, würde man zu ganz anderen Ergebnissen kommen.

An das Schicksal der Royalisten, die dem republikanischen Terror ausgesetzt waren und am 28. Februar 1794 in Les Lucs-sur-Boulogne, Vendée, ermordet wurden, erinnerten Hinterbliebene in Kirchenfenster.

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