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Die Französische Revolution gilt im allgemeinen als das Ereignis, welches die Moderne einläutete. Natürlich gab es Vorläufer, vor allem die Philosophie der Aufklärung oder l’Âge des Lumières, wie die Zeit vor der Revolution auf französisch genannt wird. Jedoch waren es die Ausrufung der konstitutionellen Monarchie 1789 und die Ermordung von König Ludwig XVI. 1793, die wesentliche Umwälzungen in Europa und auf der Welt einleiteten. Im Geschichtsunterricht in der Schule wird die Französische Revolution dabei als Aufstand gefeiert, welcher im Namen der Armen und Unterdrückten geführt wurde und den Menschen Freiheit und Demokratie brachte.

Bei einer näheren Betrachtung ist diese Interpretation jedoch geradezu grotesk, denn in Wirklichkeit rebellierte das reiche Bürgertum auf Kosten der Armen und schob dem Königtum die Schuld dafür in die Schuhe. Ohne die Monarchie überfiel Frankreich dann seine Nachbarn, Andersdenkende wurden zu Tausenden ermordet und ganze Landstriche Frankreichs dem Erdboden gleichgemacht, bevor die Französische Republik in Napoleons Diktatur überging.

Die Identifikation mit der Französischen Revolution wirft dabei auch kein gutes Licht auf die Werte der Moderne, die sich ja immerhin mit ihr identifiziert. Im Rahmen einer Fortsetzungsserie sollen hier die bekanntesten Vorurteile über die Französische Revolution widerlegt werden.

Der Aufstand des Volkes gegen die Obrigkeit

Eine der Legenden, die sich um die Französische Revolution ranken, ist diejenige, daß es sich bei ihr um einen Aufstand des Volkes gegen die monarchische Obrigkeit gehandelt habe. Um die Indifferenz der Königsfamilie gegenüber den Leiden des einfachen Volkes zu belegen, wird immer wieder Königin Marie Antoinette zitiert, die auf den Hinweis, die Bauern hätten kein Brot mehr, mit „Dann sollen sie eben Kuchen essen“ geantwortet haben soll. Dieses Zitat wurde schon der Frau von Ludwig XIV. vorgeworfen, ist jedoch frei erfunden und das Königshaus sorgte sich sehr wohl um die Anliegen des Volkes.

Die Französische Revolution wurde nicht durch die Gleichgültigkeit von König Ludwig XVI., sondern vielmehr dadurch ausgelöst, daß weite Teile des Adels und des Bürgertums nichts zu den nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und dem Siebenjährigen Krieg belasteten Staatsfinanzen beitragen wollten. Vielmehr sollten die einfachen Leute alles bezahlen. Um den Adel höher zu besteuern und die Armen eben gerade nicht noch stärker zu belasten, ernannte der König nacheinander drei Generalfinanzdirektoren: zunächst den bürgerlichen Robert Turgot, dann Jacques Necker und schließlich Charles Alexandre de Calonne. Alle drei galten als brillant, scheiterten jedoch am Widerstand des Bürgertums und weiter Teile des Adels und mußten abberufen werden. Als sich der Unmut der Armen auf der Straße manifestierte, wurde von den zahlungsunwilligen und jetzt verängstigten Bürgern die Schuld hierfür dem König in die Schuhe geschoben. Als dieser daraufhin Macht abgeben mußte, saßen in der nunmehr gewählten Volksvertretung eben jene Bürger und Adligen, die sich vorher geweigert hatten, irgendetwas zum Gemeinwesen beizutragen, und stellten sich als die wahren Vertreter des Volkes dar. Die Interpretation eines Volksaufstandes gegen das Königtum ist also falsch, denn eigentlich rebellierten die Armen gegen das reiche Bürgertum und die egoistischen Teile des Adels.

Nachdem der König vom Nationalkonvent zum Tod verurteilt und ermordet wurde, kam es in der Vendée, einer zwischen Nantes und Bordeaux gelegenen Küstenregion im Westen Frankreichs, zum einzigen echten Volksaufstand der Französischen Revolution. Allein: Er fand gegen die Republik statt. Dieser Volksaufstand hatte mehrere Gründe: Zum einen wurden jene Priester, die sich geweigert hatten, einen Eid auf die Republik und ihre Verfassung zu schwören, weil sie die Auffassung vertraten, daß sie nur vor Gott verantwortlich seien, verhaftet, deportiert und durch republiktreue Kirchenmänner ersetzt. In den Dörfern der Vendée war der Priester aber oftmals die einzig anerkannte und von allen geschätzte Autoritätsperson und seine Verhaftung stieß in jedem Dorf auf schärfste Ablehnung, da sie als Attentat gegen den Glauben betrachtet wurden.

Hinzu kamen die von der sich im Krieg gegen halb Europa befindlichen Republik angeordneten Massenaushebungen von Rekruten, die gegen die traditionellen Rechte der Region verstießen. Nach diesen Rechten waren sie nur zum Zwangsdienst verpflichtet, wenn ihre Region direkt bedroht war, es war aber nicht erlaubt, sie andernorts einzusetzen. Die Republik ignorierte dieses traditionell überlieferte Recht auf die weitgehende Befreiung vom Heeresdienst jedoch. Brodelte die Unzufriedenheit der Menschen in der Vendée schon durch den Umgang der Republik mit der Religion, kam es bei dem Versuch, junge Männer von ihren Feldern wegzuholen, um sie in den Krieg zu schicken, an vielen Plätzen zum offenen Aufstand. Jacques Cathelineau, ein Mann aus dem Volk, organisierte in dem Städtchen Saint Florent eine Revolte gegen die Aushebungen und verjagte die Republikaner.

Am Beginn der Vendée-Kriege stand der Volksaufstand in Saint-Florent-le-Vieil.

Schnell schlossen sich andere Städte diesem Beispiel an und in kürzester Zeit sammelten sich mehrere 10.000 Mann um Cathelineau. Diese Männer wollten die Religion, ihre überlieferten Rechte und ihre Heimat verteidigen, welche sie von der Republik bedroht sahen. Deshalb stellten sie ihren Aufstand in den Dienst des Ancien Régime. Da die Aufständischen keinerlei Ausbildung besaßen, belagerten sie die im Heeresdienst erprobten Gutsherrn der Region förmlich, um sie dazu zu überreden, den Aufstand anzuführen. Zwar gab es unter diesen auch Offiziere, die schon König Ludwig XVI. bereits in Paris verteidigt hatten, um seine Verhaftung zu verhindern. Auch wenn die Adligen der Vendée als sehr volksnah galten und ein gutes Verhältnis zu den Menschen pflegten, waren die meisten von ihnen anfangs aber gar nicht von der Idee begeistert, einen Bauernhaufen anzuführen, so daß also keineswegs davon gesprochen werden kann, daß die Menschen in der Vendée von den Führern des Ancien Régimezur Revolte angestachelt wurden: Die Kirchenmänner hatten damit nichts zu tun, denn sie waren bereits verhaftet, und auch die Adligen hielten sich zu Anfang sehr bedeckt.

Erinnerungsplakette an den Volksaufstand in Saint-Florent-le-Vieil.

Der einzige authentische Aufstand, der während der Französischen Revolution vom Volk ausging, war daher also letztlich jener, der für Gott und den König (Pour Dieu et le Roi) und gegen die Republik gerichtet war, denn es waren von Anfang an die kleinen Leute nicht nur in der Vendée, sondern auch in der Bretagne und in Zentralfrankreich, die sich erhoben.

Jean-François Michael singt die Hymne der Royalisten aus der Vendée: Chouans en avant.

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