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Die völlig verschiedenen Lösungen, die die europäischen Staaten als gangbaren Ausweg aus der Finanzkrise definieren, haben historische Wurzeln. Im Falle Deutschlands liegen diese in Preußen und auch in der Haushalts- und Finanzpolitik des Deutschen Kaiserreichs.

Bekannt ist, daß König Friedrich Wilhelm I. von Preußen mit dem Tage seines Amtsantritts einen radikalen Sparkurs begann und sich so von fast allen anderen Monarchen im Zeitalter des Barock absetzte. Während diese einen Hofstaat unterhielten, der ihre finanziellen Möglichkeiten in vielen Fällen überstieg, beschnitt der Soldatenkönig die Ausgaben für den Hof um rund 90 %, was ihm die finanziellen Mittel gab, um sein Land und natürlich auch das Heer zu entwickeln. Seinem Sohn hinterließ er dann gefüllte Staatskassen, auf die dieser während der Schlesischen Kriege zurückgreifen konnte.

War die Sparpolitik Preußens vor allem auf die Könige zurückzuführen, verhinderte ab 1871 das institutionelle Gefüge des Kaiserreichs ein Ausufern der Staatsausgaben. Dazu trug vor allem bei, daß das Deutsche Kaiserreich nicht genug eigene Einnahmequellen hatte: Während die direkten Steuern durch die Bundesstaaten des Reichs erhoben wurden, konnte das Reich nur Einnahmen aus einigen indirekten Steuern sowie Schutzzöllen für sich verbuchen. Das war zu wenig, um die laufenden Ausgaben zu finanzieren. Das Reich war daher auf sogenannte Matrikularbeiträgeangewiesen – Zahlungen aus den Bundesstaaten, die den Reichshaushalt de facto ausglichen. Diese Matrikularbeiträge wurden durch die Bundesstaaten je nach Bevölkerungszahl entrichtet. Eine Haftung des Reichs für klamme Bundesfürsten war dagegen im Grunde nicht vorgesehen, so daß diese sich um ausgeglichene Haushalte bemühen mußten.

Die Goldmark war die goldgedeckte Währung des Kaiserreichs mit Münzen zu 20, 10 und 5 Mark und einem Goldgehalt von 0,358423 g Feingold je Mark. Die Periode der Goldmark von 1871 bis Ende Juli 1914 ist als relativ geldwertstabil im Vergleich zu heute einzuschätzen, weil eine Papiergeldinflationierung durch Golddeckungsvorschriften, die auch eingehalten wurden, anfangs durch den „Goldanker“ gebremst wurde. Durch die Kreditgeldschöpfung der Banken und die Buchgeldzunahme wurde dies jedoch ab ca. 1900 zunehmend unterlaufen.

Durch die Matrikularbeiträge, die vor allem für den von den Reichsfürsten kontrollierten Bundesrat relevant waren, wurde das Reich also zum Sparen angehalten. Hinzu kam das Recht des Reichstages zur Haushaltsbewilligung. So waren dann beide Kammern gleichzeitig an Haushaltsdisziplin interessiert.

In der Republik hat sich dieses Verhältnis in das Gegenteil verkehrt: Zum einen ist die Gewaltenteilung heute in dem Sinne aufgehoben, daß die Exekutive aus der Legislative hervorgeht, die auch die Vertreter der Judikative wählt. Hatten die Volksvertreter im Kaiserreich ein Interesse daran, die Ausgabenpolitik des Kaisers und seine Regierung zu kontrollieren, entfällt dieses Kontrollinteresse natürlich, wenn dieses wie von den Parlamentariern in der Bundesrepublik erfordern würde, sich selbst auf die Finger zu klopfen. Stattdessen muß in einer parlamentarischen Demokratie die eigene Klientel bei Laune gehalten werden, was Geld kostet. Auch die zweite deutsche Kammer, der Bundesrat, ist heute nicht am Sparen interessiert, da die Verteilung des Steueraufkommens nun viel komplizierter und verflochtener ist, als im Kaiserreich.

Es wundert also nicht, daß die Staatsverschuldung der Bundesrepublik heute auch wesentlich höher als damals und auch höher als beispielsweise die aktuelle Staatsverschuldung des Krisenstaates Spanien ist. Während dort jedoch schon seit dem Kolonialzeitalter immer wieder die eigene Währung abgewertet wurde, um finanzielle und wirtschaftliche Engpässe zu bewältigen, scheint man sich in Deutschland wieder auf die eigene Haushaltstradition zu besinnen: das Sparen. Ob Europa die nötigen Lehren aus der Krise zieht und sinnvolle Reformen durchführt, anstatt Geld zu drucken und Inflation zu verursachen, hängt also im wesentlichen davon ab, ob Deutschland die Besinnung auf die eigenen, in der preußischen und deutschen Monarchie begründeten Traditionen gegenüber seinen Verbündeten durchsetzen kann.

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