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Kaiser Maximilian I. von Mexiko

Der Pozeß begann am 12. Juni [1867], als öffentliches Schauspiel im Iturbide-Theater inszeniert, wobei das Gericht auf der Bühne tagte und Parkett und Logen für das Publikum reserviert waren. Es spricht für den Mut der Damen von Querétaro, daß nicht eine die Einladung zur Teilnahme annahm. Die einzigen weiblichen Zuschauer waren die Ehefrauen der republikanischen Offiziere. Wenn Juárez dieses Schauspiel zur Demütigung des gestürzten Kaisers befohlen hatte, so unterstrich es doch nur das Farcenhafte einer „Gerichtsverhandlung“ mit bereits vorher festgelegten Urteilen, der Form nach gefällt von sechs Subalternoffizieren als Richter, denen ein ebenso jugendlicher Oberstleutnant vorsaß, in eine elegante neue Uniform gekleidet. (aus: Joan Haslip: Maximilian Kaiser von Mexiko)

Mittwoch, 19. Juni 1867

Um 5 Uhr hört der Kaiser mit den Generälen [Mejía und Miramón] in der Zelle Miramóns, in der man einen Altar errichtet hat, die Messe und empfängt die Sterbesakramente. Zeit seines Lebens war er ein Liberaler – ein echtes Kind seiner Zeit. Doch dem Tod will er erst ins Auge schauen, nachdem er „den ererbten Glauben fromm bekannt“ hat, … wie es auf seinem Sarkophag in derWiener Kapuzinergruft heißt.

Der Sarkophag Kaiser Maximilians in der Wiener Kapuzinergruft.

Um halb 7 Uhr erscheint Oberst Palacios mit der Wachmannschaft. Als [Maximilian] auf die Straße tritt, ist die Sonne noch nicht aufgegangen, aber der Himmel ist wolkenlos und klar. Der Habsburger, ein passionierter Spaziergänger, der so lange gute Luft vermißt hat, atmet tief. Ein solches Wetter, bemerkt er zu seiner Begleitung, habe ich mir für meinen Sterbetag schon immer gewünscht.

Es sind kaum Leute auf den Straßen, die Fensterläden sind zum Zeichen der Trauer geschlossen oder werden aus Protest zugeworfen, alle Geschäfte haben gesperrt.

Man hat das Vorfeld des Cerro de las Campanas erreicht. Hier wollte ich die Siegesfahne aufpflanzen, und nun komme ich hierher, um zu sterben. Das Leben ist doch nur eine Komödie. Natürlich sind sich auch die Republikaner dieses Symbols bewußt. Mit oder ohne Verrat des Miguel López: Der Cerro ist für sie der Berg des Sieges, das Grabmal für das Kaiserreich. Darum muß die republikanische Justiz gerade hier triumphieren.

Dem mexikanischen Militärreglement entsprechend muß vor Exekutionen ein „Bando“ verlesen werden, der da lautet: Wer um Gnade für die Verurteilten bittet, soll die gleiche Strafe erleiden. Während dumpf die Trommeln wirbeln, treten an allen vier Seiten des Karrees Offiziere vor und verlesen diese Warnung.

Der Kaiser blickt flüchtig auf den strahlenden Himmel und die grünende Landschaft. Die drei Verurteilten gehen aufeinander zu, umarmen einander und verabschieden sich. Maximilian, bis zum letzten Moment voll altösterreichischer Höflichkeit, bittet Miramón, rechts von ihm zu stehen.

Nun wendet sich Maximilian mit kaum vernehmbarer Stimme an die Truppe: Ich vergebe allen und bitte auch alle, daß sie mir vergeben. Möge mein hier vergossenes Blut diesem Lande zum Wohle gereichen. Viva México, viva la Indepedencia.

Die drei Opfer blicken in die Gewehrmündungen. Maximilian teilt mit den Händen seinen blonden Bart und zeigt mit beiden Fäusten auf seine Brust, kreuzt dann auf seine typische Art die Hände hinter seinem Rücken und schließt die Augen.

Im Peitschenknall der Salve sinken die drei Opfer zu Boden. Pulverdampf hüllt das Spektakel ein. Magnus blickt unwillkürlich auf seine Taschenuhr. Diese zeigt 6 Uhr 40.

Erschießung Kaiser Maximilians, Gemälde von Edouard Manet

Von vier Kugeln durchbohrt fällt der Kaiser nach rückwärts. Ob es „letzte Worte“ des Sterbenden gab – einige Mexikaner wollen die Worte Hombre, hombre gehört haben -, ist mehr als zweifelhaft.

[Ein Augenzeuge]: Er bewegte noch die Augen und Arme, konnte aber nicht mehr sprechen. Einer der Geistlichen trat hinzu und besprengte seinen Körper mit Weihwasser. Ein Soldat schoß ihm durch die Brust, worauf S. M. mit der Hand krampfhaft an dem Rock riß, das Gewand entzündete sich und Tödös [der Leibdiener des Kaisers] schüttete Wasser darauf. Ein Soldat zielte auf die Brust, doch der Schuß ging nicht los. General Díaz kommandierte schnell einen anderen Soldaten zum Feuern, dessen Gewehr aber auch nicht los ging. Der nächste Schuß durchbohrte das Herz. S. M. atmete schwer und zuckte noch mit der Hand. Das Gewand entzündete sich abermals und wurde mit Wasser gelöscht. 4 cargadores legten die Leiche in einen innen ungehobelten, schwarz gestrichenen Sarg.

Der Cerro de las Campanas kann von den Kirchtürmen Querétaros mit Ferngläsern gut beobachtet werden. Gegen 7 Uhr beginnen alle Kirchenglocken der Stadttürme „Repique“ zu läuten. Die Einwohner wissen nun, daß die Exekutionen vollzogen sind.

Während die Truppen stadteinwärts marschieren, kommt es vereinzelt zu Protesten der Bevölkerung. Namentlich Frauen, unter denen Maximilian viele Anhängerinnen hatte, beschimpfen die Truppen. Einige Personen werden festgenommen.

Samstag, 29. Juni

Die von der Regierung zugelassenen „üblichen religiösen Zeremonien“ werden abgehalten. Es ist wieder Padre Soria, der Maximilian auf seinem letzten Gang begleitet hat, der nun die Totenmesse hält. Der Zustrom der Bevölkerung ist so stark, daß die republikanischen Behörden beschließen, den aufgebahrten Kaiser den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen.

Epilog

Am 15. Juli 1867 zieht Juárez unter dem Jubel seiner Anhänger [!] in die Hauptstadt ein. Am gleichen Tag erklärt Porfirio Díaz seinen Austritt aus der Armee, um sich auch seiner Finca La Noria scheinbar der Landwirtschaft zu widmen, in Wirklichkeit jedoch, um sich auf eine Politikerlaufbahn vorzubereiten. Bereits drei Monate später tritt er als Rivale von Benito Juárez bei den Präsidentschaftswahlen auf, erhält aber gegen den erfahrenen Politiker nur ein Drittel der Stimmen. 1871 wiederholt er den Versuch. Juárez wird wiedergewählt, erhält aber nur mehr die Hälfte der Stimmen. Porfirio Díaz, unterstützt von lokalen Caudillos, erhebt sich in einer Revolte gegen die „Wiederwahl“, wird aber von den Regierungstruppen immer wieder geschlagen. Juárez aber stirbt sieben Monate nach seiner Wahl, am 18. Juli 1872. Lerdo de Tejada folgt ihm nach und erläßt ein Amnestiegesetz für die Aufständischen. Díaz zieht sich wieder einmal ins Privatleben zurück und macht in Tlacotalpan eine Tischlerei auf. Als Lerdo 1876 zur Wiederwahl antritt, revoltiert Díaz abermals, und diesmal gelingt es ihm, die Regierungstruppen in der Schlacht von Tecoac zu schlagen und an die Macht zu gelangen.
(aus: Konrad Ratz: Maximilian und Juárez, Band II „Querétaro-Chronik“)

Das Leben geht weiter

Der Kaiserthron von Mexiko ist in Trümmer zerbrochen. Am 21. Juni öffnet die Stadt Mexiko General Porfirio Díaz die Tore, am 25. Juni ergibt sich Vera Cruz, die letzte Position der Konservativen und Kaiserlichen. Der Rest ist Rache, Triumph und Verteilung der Hinterlassenschaften des Gegners.

Im Oktober 1867 finden in ganz Mexiko Neuwahlen statt, aus denen Benito Juárez mit erdrückender Mehrheit als Sieger hervorgeht. Das erschöpfte Land erhofft sich von seiner Regierung eine Periode der Sicherheit und des Friedens. Aber schon ein Jahr später beginnen in allen Provinzen von neuem Unruhen. Die Generäle, deren Kampferfahrung Juárez den Triumph über Maximilian verschafft hat, politisierende Rechtsanwälte und die Finanzleute, welche die Rebellen mit Geld unterstützt haben, sind unzufrieden mit der Beute und versuchen auf eigene Faust, ihr Schäfchen ins trockene zu bringen.

Benito Juárez zieht mit seinen Truppen von einer Provinz in die andere, die Aufstände niederzuwerfen. Vom Ausland darf er keine Unterstützung mehr erwarten, da die Republik mit der Verweigerung sämtlicher Schulden- und Zinszahlungen sich den Haß der internationalen Finanzgruppen zugezogen hat. Juárez, zu Tode erschöpft durch fortschwelende Wirren, die wilden Kämpfe in den Bergen, die Unsicherheit in den Städten, die wachsende Not und die Generalsrevolten, wird von einem tödlichen Schlaganfall getroffen.

Die Revolutionskämpfe gehen weiter. Tage steigen herauf und sinken hinab, Jahre strömen wie Urwaldgewässer dahin. Jeder Tag, jede Stunde bedeuten Schmerz, Hunger und Untergang für die einen, Triumph und Glück für die anderen. Jedes Jahr zählt seine Ermoderten, Geschändeten, Gebrandschatzten, seine Geschlagenen und seine Gewinner. Das Land lebt von den fleißigen Indios in den Bergen, von der Mühe der Handwerker in den Städten, von der Plage der peones auf den Haziendas, und es stirbt unter dem Terror der Revolutionsbanden, unter den Hieben und Schüssen der Banditen, die irgendeinem „General“ dienen. (aus: Otto Zierer: Geschichte Amerikas)

Welche Lehren können aus der kurzen Geschichte des mexikanischen Kaiserreichs gezogen werden?

Wenn im Kino ein Film mit einem Happy End schließt, freuen sich alle, daß sich zwei gefunden haben. Aber niemand weiß, wie hinterher die Ehe aussieht. Sie könnte in ein langes und glückliches Familienleben führen, aber auch in einer Katastrophe, in Scheidung und Streit enden. Im Fall des zweiten mexikanischen Kaiserreichs weiß jeder, was 1867 brachte: Das Happy End im Sinne der Republikaner. Doch wie es mit der Republik weiterging, weiß kaum jemand zu sagen. Benito Juárez sicherte sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern, weil er Kaiser Maximilian erschießen ließ. Damit entging er den gut 74 anderen mexikanischen Präsidenten (44 vor Kaiser Maximilian, 30 nach Kaiser Maximilian bis heute), die fast ohne Ausnahme vergessen sind. Juárez selbst fristete die fünf Lebensjahre, die ihm nach 1867 blieben, als gescheiterte Figur. Der Politiker überlebte den Triumph über Kaiser Maximilian und seine Getreuen nur um fünf Jahre – und die waren gekennzeichnet von Revolten, Unzufriedenheit, Chaos. Darüber aber weiß zum Beispiel der deutschsprachige Teil von Wikipedia nichts anderes zu vermelden  als: „Sein Reformwerk setzte Juárez bis zu seinem Tode fort, als er 1872 in seinem Amtssitz an einem Herzanfall starb.“ Die Jahre nach der Exekution des Kaisers werden dort nicht einmal gestreift, höchstens in den oben aufgeführten Büchern finden sich ausführlichere Beschreibungen. Aber wer liest heute noch Bücher, wo man doch im Internet alles so schnell und zuverlässig findet? Wirklich alles?

Aus diesem Grund endet das Gedenken an Kaiser Maximilians Todestag nicht mit seiner Erschießung. Die genannten Quellen gehen über den Exekutionstag hinaus und zeugen davon, wie wenig das mexikanische Volk davon profitierte, daß „ein ausländischer Aggressor“, wie ihn die revolutionäre Terminologie nennt, besiegt wurde und sein Leben verlor, wie wenig die einheimischen Politiker das Wohl des Volkes im Auge hatten. Wäre Kaiser Maximilian ein größerer Ausbeuter als die eigenen Landessöhne gewesen?

Sucht man im Internet oder in allgemeinen Geschichtsbüchern nach der Beschreibung des zweiten mexikanischen Kaiserreichs, ist vom „mexikanischen Abenteuer“, vom „weltfremdenErzherzog Maximilian von Österreich, von der französischen Marionette, die sich nur Dank ausländischer Truppen halten konnte, oder von der überaus ehrgeizigen Kaiserin Charlotte die Rede, aber selten davon, was hätte geschehen können, wenn …

Zum Beispiel, wenn es Kaiser Maximilian gelungen wäre, sich (länger) auf dem Thron zu halten. Er hatte bereits in seiner kurzen dreijährigen Regierungszeit bewiesen, daß er nicht der Handlanger der Kreise war, die ihn riefen. Er erzürnte Konservative und hohen Klerus, weil er gerade nicht das tat, was sie von ihm verlangten. Er machte die Enteignungsgesetze der Liberalen nicht rückgängig und erstattete der Kirche nicht ihre Latifundien zurück oder verbot nicht die Zivilehe. Damit machte er eben deutlich, was ein Monarch ist: Keiner Gruppe verpflichtet, sondern am Gemeinwohl interessiert. Gerade eine solche Person hätte Mexiko, hätten die lateinamerikanischen Länder nötiger denn je. Die Idee einer mexikanischen Monarchie mag heute jenseits der Vorstellungskraft von Politikern liegen, aber sie hätte Mexiko gute Dienste leisten können.

Die Verwirklichung der Infrastrukturpläne des Kaisers hätten einen Innovationsschub, Stabilität, wirtschaftliches Wachstum und letztlich Wohlstand für das Land bedeutet. Daran hatte der nördliche Nachbar kein Interesse. Die republikanische Ideologie mag dazu beigetragen haben, daß die USA Benito Juárez – vor allem nach dem Sieg der Nordstaaten 1865 – Unterstützung gewährten und die Monroe Doktrin („Amerika den Amerikanern!“) wurde von Washington gegen den mexikanischen Kaiser ins Feld geführt, aber eine wirkliche Entwicklung Mexikos lag nicht im Interesse der Vereinigten Staaten. Ein schwaches, zerrissenes Mexiko ließ sich leichter in Schach halten und erhob keine Ansprüche auf geraubte Territorien.

Die Franzosen – Stütze und Belastung des mexikanischen Kaiserreichs

Die Franzosen waren die Stütze des mexikanischen Kaisers, aber sie waren ihm auch eine Belastung. Ihr brutales Vorgehen im Bürgerkrieg wurde dem Kaiser angelastet, obwohl er immer wieder ersuchte, die Zivilbevölkerung zu schonen. Napoleon III. ließ sich die Stationierungskosten auch aus dem schwachen mexikanischen Haushaltsbudget bezahlen und verhinderte damit die Konsolidierung der Staatsfinanzen. Der Abzug der fremden Truppen war deshalb eine Befreiung für das Kaiserreich. Eine Befreiung, die zugleich den Todesstoß bedeutete.

Ein starkes kaiserliches Mexiko hätte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich entwickeln und seine reichen Ressourcen nutzen können. Statt dessen blieb Mexiko nach der Herrschaft Porfirio Díaz’, „der … fast zu einem ungekrönten Kaiser wird“ (Ratz), weil er die „hochfliegenden Pläne“ Maximilians aufgreift, nur der Absturz in die Anarchie des Bürgerkriegs nach 1911 und danach die diktatorische Herrschaft der „Partei der Institutionalisierten Revolution“ (PRI).

Was wäre gewesen, wenn …? Es kam anders und blieb doch gleich: Mexiko erlebte 2006, daß sich zwei Präsidentschaftskandidaten gleichzeitig zu Wahlsiegern ausriefen. Es scheint, daß die Probleme des Landes auch im 21. Jahrhundert mit der republikanischen Verfassung nicht zu lösen sind. Ein Erzherzog Maximilian ist nicht in Sicht.

Und wie lautete doch gleich noch ’mal der Name des mexikanischen Präsidenten?

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